Ansprache Pastorin Ingrid Schumacher

Ich begrüß alle, die heute hierher auf den Friedhof gekommen sind, um mit einer kleinen Feier diesen Ort und die von Herrn Hagen gestiftete Stele in Augenschein zu nehmen. Gemeinsam wollen wir um Gottes Segen bitten für die Fehl- und Totgeburten, die hier ihren Platz haben sollen, für die verwaisten Eltern und ihre Angehörigen. An sie denken wir heute besonders.
Wir haben aus dem Buch Hiob gehürt. Ähnlich wie Hiob, so glaube ich, könnte eine Mutter oder ein Vater beten, wenn das erwartete Kind noch vor der Geburt oder kurz nach der Geburt stirbt. Geschieht das in den ersten Monaten der Schwangerschaft, hat das Kind viele Namen: Fötus, Frucht, Stillgeborenes, aber für die Eltern, die sich das Kind gewünscht haben, stirbt ihr Kind. Außenstehende begreifen manchmal den Kummer nicht: „Es war ja noch nichts zu sehen!“ Oder sie sind hilflos, versuchen das Thema zu meiden. Zu dem Schmerz über den Verlust, kommt das Gefühl, mit der Trauer allein zu sein und damit keinen Platz zu haben. Aber Trauer braucht einen Ansprechpartner und einen Ort. Wo kann eine trauernde Mutter, ein trauernder Vater seinen Gefühlen freien Raum lassen? Traurigkeit und Wut wechseln sich ab, in der Anklage gegen Gott und in Selbstvorwürfen wird vielleicht nach Schuld gesucht. Manchmal wird die unterschiedliche Art zu trauern zwischen den Ehepartnern zur Belastung. Erst wenn alles gesagt ist, was in den Trauernden schreit, kann die Seele sich wieder beruhigen. Dann kann sie vielleicht auch auf eine innere Stimme hören, die Tröstliches zu sagen hat. Ein Trost ist ganz gewiß die Hoffnung, dass der Schmerz über den Verlust sich verändert, ein anderer Trost ist das Vertrauen, dass die Toten bei Gott aufgehoben sind. Wenn ich schon nicht begreifen kann, weshalb ich mich verabschieden soll, kann die Vorstellung helfen, wohin und an wen ich abgebe. Eine Frau, die ihr Kind im 4. Monat verlor, erzählte mir, dass sie ihr Kind bestatten ließ, damit sie weiß, dass ihr Kind einen Ort gefunden hat. Das war eine wesentliche Begegnung für mich. Sie hat mich darin bestärkt , mit anderen zusammen dafür zu sorgen, dass auch schon Fehlgeburten hier auf dem Friedhof ihren Platz haben sollten. Ob Eltern und Angehörige an diesen Ort kommen, ob sie an den gemeinschaftlichen Trauerfeiern teilnehmen werden, wird unterschiedlich sein, aber sie sollen wissen, dass sie es könnten, wenn sie das Bedürfnis haben. Vielleicht kann der Ort des Friedhofes ja auch eine Hilfe sein, die Trauer nicht zu Hause zu behalten, mit dem Schmerz hierher zu Besuch zu kommen, zu beten und wieder zu gehen. Es ist eine Gemeinschaftsstelle; die Stele, die Herr Hagen gestiftet hat, steht in der Mitte. Herr Hagen hat sich in die Trauer der verwaisten Eltern hineingefühlt; nach seinem Entwurf hat eine Mitarbeiterin den Stein bearbeitet. Gemeinsam haben wir über die Inschrift nachgedacht: „Du bist ein Kind der Sehnsucht - du wurdest zu einem Kind der Trauer - du bist gesegnet - gesegnet ist deine Trauer.“ 4 Aussagen, auf jeder Seite des Sockels ein Satz, der den Lesenden mit dem Du anspricht. Je nachdem, welche Perspektive der Besucher einnimmt, wird er etwas anderes lesen; wer einmal um die Stele herumgeht liest den Satz in Folge als Ganzes. Die Grabstelle ist bepflanzt mit Immergrün, Symbol der Hoffnung. Im Frühling werden bunte Tulpen blühen, aber vielleicht werden auch Besucher kommen und etwas eigenes als kleinen Gruß herlegen. eine Blume, ein Windrad vielleicht oder etwas anderes. Trauer verändert sich; Hoffnung setzt sich durch. Im Buch des Propheten Jeremia steht das so geschrieben:„Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, euch eine Zukunft und Hoffnung zu geben. Wenn ihr zu mir betet, so will ich auf euch hören; wenn ihr mich sucht, von ganzem Herzen, so sollt ihr mich finden.“ Amen


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